Italiano Deutsche

LOGBUCH

From Meta to Brigantes

Oscar Kravina |  05.04.2017 |  Generale
Der 3. Dezember 1920 war für Reeder Oltmann wahrlich kein guter Tag. Im Zuge der Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg wurde sein Toppsegelschoner META den Franzosen übergeben und vom Braker Seeschiffsregister gelöscht. Es scheint für ihn rückblickend kein gutes Omen gewesen zu sein daß das Schiff, kaum ein Jahr nach dem Stapellauf im September 1911, nach einer Kollision einen neuen Vorsteven erhielt. Nun war es für ihn ganz verloren.

Für das Schiff selbst war es indes kein böses Schicksal. Nachdem in Frankreich ein erster Motor eingebaut wurde, kommt META schon 1923 nach Viareggio in Italien, das Land das zu ihrer neuen Heimat werden sollte. Dort wechselt sie zweimal den Eigner, übersteht auch den II Weltkrieg, 1946 ist im Schiffsregister „still going strong“ zu lesen. Dann erfährt sie einen größeren Umbau.

1958 ist es tatsächlich ein anderes Schiff was unter dem Namen ONICE seinen Dienst antritt. Am Heck thront nun ein erhöhtes und verlängertes Achterdeck, ein einzelner Mast trägt mittschiffs nun hauptsächlich zwei Hebe-Bäume und zwei Ladeluken erleichtern nun das Laden und Entladen. Auch wird der Vorsteven im oberen Bereich etwas begradigt, und ein dezent erhöhtes und geschlossenes Vordeck verleiht dem Schiff die Linie eines eleganten Motorschiffs. Zu guter Letzt ersetzt ein Diesel Ansaldo Viertakter die alte Maschine, er sollte bis zuletzt gute Dienste leisten, wenn auch die Leistung von 180 PS etwas zu gering ausfiel. Alles in allem ein gelungener Umbau, bei dem glücklicherweise der Rumpf unverändert blieb.

Der Nächste, gefährlichere blieb glücklicherweise dem Schiff erspart. Als 1998 sich der letzte Eigner Lentini nach drei Jahrzehnten von der ONICE trennte, wurden Pläne erstellt sie in einen Ponton umzubauen. Eine Reihe von Mißgeschicken verzögerten zuerst und vereitelten schließlich das Vorhaben. Das Schiff wurde aufgegeben.

Francesco Lentini hatte die ONICE Ende der 60er Jahren erworben. Vom Heimathafen Trapani in Sizilien aus operierte er im südlichen Tyrrenischen Meer, hauptsächlich die Insel Pantelleria ansteuernd, wo Lentini selber zuhause war. Die Verbindungen dieser windgepeitschten, schroffen Insel mit Sizilien waren immer schon dürftig, so war dieser regulär fahrende kleine Frachter oft die einzige Möglichkeit. Viele „Panteschi“, wie die Insulaner genannt werden, schlossen die Onice ins Herz, und bis heute verfolgen sie ihr weiteres Geschick.

Wie kam es aber eigentlich dazu daß die Geschichte nicht endete? Schließlich wusste niemand Bescheid über die genaue Herkunft der ONICE, vielleicht wollte auch keiner es so genau wissen. Nicht so Giuseppe Ferreri. Sein Vater war an Bord der Machinist gewesen, sein Bruder Seemann und er selber hatte da seine Berufspraxis zum Kapitän absolviert. Fast schon eine Familienangelegenheit. So konnte er nicht zusehen wie die ONICE verkam und fing zu recherchieren an. Als er die Geschichte vom weltberühmten Zwillingschiff EYE OF THE WIND entdeckte, war der Grundstein gelegt für ihre Rettung.

Man sagte einst einen Schiffsnamen sollte man nicht wechseln. Doch das Leben der META endete 1954, das der ONICE nach langer Agonie 2016. BRIGANTES wird der Name ihres dritten Lebens.

The twin story

Oscar Kravina |  03.04.2017 |  Generale
War es Liebe auf dem ersten Blick oder doch nur Pragmatismus? Auf seinem Werftbesuch zu Jahresbeginn 1911 bei Lühring in Hammelwarden sah Kapitän Friedrich Kolb das Schiff seiner Wünsche bereits im Bau. Es war die META, vom Reeder Oltmann in Auftrag gegeben nach den Linien der REGINA, ein Toppsegelschoner der schon in seinem Besitz war. Da er es nach dem Verlust seines hölzernen Dreimastschoner MARIA ungleich eiliger als Oltmann hatte, wurde der FRIEDRICH Priorität eingeräumt sodaß sie Anfang Juni schon vom Stapel laufen konnte, die Fertigstellung der Meta indes um drei Monate verzögernd.

Nachdem beide Schiffe für eine Dekade Nord- und Ostsee befuhren und womöglich auch begegneten, zweigten sich die Wege in den frühen 20ern drastisch. Während die FRIEDRICH nach Schweden kam, wurde Italien zur neuen Heimat der META, ihre Wege sollten sich seitdem nicht mehr kreuzen.

Zeitsprung 1970. Ein Feuer verwüstet das gesamte Achterschiff der in MERRY umgetauften FRIEDRICH, das Ende einer der letzten Lühringschoner scheint gekommen. Man sucht nach Käufern, ein Amerikaner meldet sich, wird aber nichts, dann endlich der junge Australier Anthony Timbs, er will das inzwischen zum Motorschiff konvertierte Schiff neu takeln.

Die Geschichte ist unter Insidern fast schon Legende. Nach dreijährigen abenteuerlichen Umbauarbeiten tritt das Schiff als EYE OF THE WIND seine bisher größte Reise nach Australien an, und um den Globus zurück nach England. Dort wird sie von der “Scientific Exploration Society“ gechartert und unter der Schirmherrschaft von Prinz Charles 2 Jahre lang die Operation-Drake-Voyage“ anführen. Junge Menschen aus 27 Nationen nahmen daran Teil, zahlreich die sozialen, ökologischen und kulturellen Projekte die unterwegs realisiert werden konnten.

Auch Hollywood bemerkte nun die deutsche Schönheit, ihre Auftritte in Filmen wie Tai Pan, Blaue Lagune und White Squall bescherten ihr weltweit Berühmtheit. Und META?

Unter dem kaum schöneren Namen ONICE fristete sie ein Leben ohne Glanz und ohne Tadel, geriet dann in etwa zur Zeit des Brandes ihrer „Schwester“ in den Händen ihres letzten Eigners Francesco Lentini. Ich traf Herrn Lentini im Sommer 2016 in seinem Haus in Pantelleria, eine schroffe vulkanische Insel südlich von Sizilien. Der inzwischen pensionierte Reeder bewahrt noch das eine oder andere Dokument seines ehemaligen Schiffes, eine emotionale Bindung lässt sich jedoch hinter dem Pragmatismus seiner Erzählungen kaum ausmachen. Sachlich hat er seinem Arbeitstier an nichts mangeln lassen, regelmäßig wurde jede Revision durchgeführt, kaum gespart, pünktlich gezahlt, wie auch die Brüder D´Amico bestätigen, Inhaber der das Schiff betreuenden Werft.

Und wie ging es weiter? 1999 war das Schiff nicht mehr rentabel zu betreiben, es wurde an Antonio Miceli verkauft, der es zu einem Ponton umbauen wollte. Dieser schiffshistorisch grausame Plan kam glücklicherweise nie zur Ausführung, das Schiff wurde in einer Ecke des Hafens von Trapani praktisch vergessen.

Bis eines Tages… aber das ist eine andere Geschichte.